«Ich konnte nicht anders, die Situation war so einladend»

Doris Büchel, fotografiert von Ingo Rasp.

Ein Zufall liess mich 2017 das Magazin onepage entdecken. Seither purzeln immer dann Glücksgefühle durch die Luft, wenn ich eine neue Ausgabe auspacke. Die Frau hinter onepage ist Doris Büchel. Ein Gespräch über Jauchzer, Bewegung und Erfolg.  

Doris, wann hast Du 2019 vor Glück gejauchzt?
Doris Büchel: Zum Beispiel in den Sommerferien. Da habe ich zum ersten Mal seit langem wieder mal eine richtige Arschbombe ins Wasser gemacht. (lacht) Das war total schön. Ich habe richtig gejauchzt.

Wie kam es dazu?
Mein Mann und ich waren in der Toskana auf einem Bauernhof, einer von diesen schönen Orten, die man dort antrifft. Eines Tages lagen wir am Pool und lasen. Als die anderen Gäste gingen und wir an diesem wunderschönen Fleckchen Erde plötzlich ganz allein waren, habe ich es gemacht, wie einer Eingebung folgend. Es war ganz still. Ich bin einfach aufgestanden, bin losgerannt und habe diese Arschbombe gemacht. Wir mussten lachen: Mein Mann ist erschrocken, er hatte nicht damit gerechnet, ich ja auch nicht. Ich konnte nicht anders, die Situation war so einladend.

Doris Büchel auf einer Bergtour.
Seit März 2016 gibt Doris Büchel das Magazin onepage heraus. Das Magazin erscheint alle zwei Monate im Format A1. onepage erfindet sich regelmässig neu, denn jede Ausgabe wird von anderen SchriftstellerInnen, JournalistInnen, DichterInnen und GrafikdesignerInnen gestaltet. Neben ihrer Tätigkeit als Herausgeberin ist Doris Büchel auch Journalistin. Das Buch «Grenzgängerin», das im Wörterseh Verlag erschienen ist, hat sie gemeinsam mit der Bergführerin Evelyne Binsack geschrieben. Aktuell arbeitet sie an einem weiteren Buch für denselben Verlag. Doris Büchel ist verheiratet und lebt in Liechtenstein.

Was macht das Glück aus?
Glück – wir sind ja umgeben von Glück. Selbst wenn ich einen schlechten Tag habe oder frustriert bin, wenn ich mich sorge, bin ich doch immer umgeben von Glück.

Warum?
Weil ich das Glück habe, da geboren zu sein, wo ich bin. Ich habe alles. Das ist von morgens bis abends Glück. Bloss bin ich deswegen nicht die ganze Zeit nur glücklich. Es gibt Momente, in denen ich ganz unbeschwert bin, frei. Wie das mit der Arschbombe. Solche Momente, in denen alles von Dir abfällt und Dich nichts mehr einengt.

Kann man diese Momente selbst herbeiführen oder kommen sie einfach?
Am schönsten ist es, wenn sie einfach passieren, unerwartet. Ich glaube aber schon, dass man zuweilen ein bisschen nachhelfen kann.

Wie?
Solche Glücksmomente haben bei mir viel mit dem Körper zu tun. Früher habe ich sehr viel getanzt. Das lässt mich unbeschwert und frei sein, noch heute. Manchmal drehe ich zu Hause die Musik auf und tanze ab. Dann bin ich frei, und es spielt keine Rolle, wie es aussieht. Der Körper spielt eine grosse Rolle. Wenn ich mit der Bahn auf den Berg fahre, habe ich oben die gleiche Aussicht, wie wenn ich nach oben laufe. Aber das Glücksgefühl ist ein ganz anderes, wenn ich zu Fuss unterwegs bin. Auch wenn ich beim Joggen einen Sprint einlege, macht mich das glücklich: Ich spüre den Herzschlag und den Wind auf der Haut. Von positiven Menschen umgeben zu sein, macht mich glücklich. Mit kreativen Menschen Schönes erschaffen. Da gibt es so vieles.

Es gibt Menschen, die schon sehr früh spüren, was ihnen guttut. Ich gehöre nicht zu denen.

Wie hast Du Dich kennengelernt und herausgefunden, was Du willst?
Mir fällt auf, dass es Menschen gibt, die schon sehr früh spüren, was ihnen guttut, und ihren Weg konsequent gehen. Ich gehöre nicht zu denen. Ich habe ganz viele Interessen und wollte immer 1000 Dinge machen. Irgendwann habe ich gespürt, dass daran nichts falsch ist, sondern dass das auch ein Weg ist. Ich lerne mich jetzt noch kennen und probiere mich aus. Das ist nicht fertig. Ob etwas für mich gut ist, kann ich mit mir ziemlich gut regeln, wenn ich mich bewege. Mein Mann und ich sind beide sehr naturverbunden, wir wandern, gehen auf Skitouren, solche Sachen. Das Gehen eignet sich sehr gut, um in sich hineinzuspüren. Ich muss dann höchstens aufpassen, dass ich nicht zu viel sinniere. Vorhin habe ich gesagt, dass das Glück frei und unbeschwert ist: Manchmal kommt es genau dann, wenn man eben nicht Gedanken wälzt.

Wie definierst Du Erfolg?
Erfolg ist zum Beispiel, was mir heute passiert ist: Eine Frau hatte mich gebeten, ihr bei einer Abschlussarbeit zu helfen. Das haben wir heute zu Ende gebracht. Als sie mir ihre Abschlussarbeit mündlich vorgetragen hat, war das so toll, dass wir uns einfach umarmt haben. Wenn ich jemandem Sprachrohr sein und dieser Person helfen konnte, ihre Ideen durch mein Talent in Worte zu fassen: Das ist für mich Erfolg. Und Glück.

Ich spüre den Herzschlag und den Wind auf der Haut.

Ist onepage für Dich eine Erfolgsgeschichte?
Jein. Wirklich zur Erfolgsgeschichte wird es dann, wenn es auch finanziell aufgeht. Einfach, weil dann der Fortbestand des Magazins gesichert ist. Wenn ich onepage heute als Erfolgsgeschichte betiteln sollte, müsste ich deswegen nein sagen.

Und warum ja?
Ja, weil es mittlerweile doch einige Menschen gibt, die sich wirklich darüber und darauf freuen. Ja, weil da so viele und tolle Menschen mitmachen, die etwas auf dem Kasten haben und etwas können. Ja, weil wir jetzt schon an Ausgabe 20 arbeiten. Ja, weil ich auch soviel lernen durfte in diesen vergangenen dreieinhalb Jahren. Und ja, weil ich auch den Mut hatte, das Magazin einfach zu lancieren und es zu probieren.

Bilder: Ingo Rasp / zVg