Keine Fristerstreckung mehr – bitte!

Es gibt Termine, die brennen sich einem ins Gedächtnis und lassen einen ein Leben lang nicht los. Der 7. November zum Beispiel oder der 31. Mai, weil es Geburtstage von Menschen sind, die in meiner Kindheit und Jugend eine grosse Rolle gespielt haben. Das war die Zeit, als man Telefonnummern noch auswendig wusste, und vielleicht haften diese Termine deswegen so hartnäckig in meiner Erinnerung.

Heute zählen Geburtstage zu den Terminen, die ich so lange anstarre, bis sie vorüber sind. Bis ich es wieder einmal verpasst habe, Glückwünsche zu schicken. Termin versäumt, Deadline nicht eingehalten.

Anders ist es mit dem 30. November 2019. An diesen Tag werde ich mich in 20 Jahren vielleicht nicht mehr erinnern, aber: Ich werde ihn auch garantiert nicht verpassen. Denn der 30. November 2019 ist der Tag, an dem meine Steuererklärung abgegeben ist. Spätestens und definitiv. Keine Fristerstreckung mehr – und wehe, jemand bietet mir eine solche doch noch an. Nein, ich will nicht.

Das Parkinson’sche Gesetz habe ich am eigenen Leib erfahren.

«Arbeit dehnt sich in genau dem Masse aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.» Dieses sogenannte Parkinson’sche Gesetz, ich habe es in den letzten zehn Monaten am eigenen Leib erfahren. Was eigentlich hat sich das Schicksal gedacht, als es mir Unternehmerin eine längere Frist gewährte, um die Steuererklärung auszufüllen? «Wir geben ihr ein halbes Jahr mehr Zeit als früher. Mal sehen, was passiert», könnte sich das Schicksal gedacht haben. Passiert ist, dass ich die Frist ausgereizt habe bis zum Schluss – nur um sie dann nochmals um zwei Monate zu verlängern. Passiert ist, dass ich die letzten zehn Monate wusste, dass die Steuererklärung fällig ist und trotzdem alles andere vorgezogen habe. Prokrastination nennt man das, Aufschieberitis.

Kaum etwas bringt mich so in den Flow wie ein nahender Abgabetermin.

Dabei liebe ich Deadlines, vor allem wenn sie unmittelbar bevorstehen. Kaum etwas bringt mich so in den Flow wie ein nahender Abgabetermin. Mir wird heiss, der Zeitdruck färbt meine Wangen mit einem gesunden Apfelbäckchenrot, und ich arbeite, als ginge es um Leben und Tod. Wenn meine Finger dann über die Tastatur gleiten, ist das pures Glück. Allerliebste Deadline, Du Kleinod, Du hilfst mir dabei, mich selbst zu überlisten und kostbare Zeit nicht zu verplempern – zumindest nicht kurz vor Fristende.

Halte durch und gib nicht nach. Bald haben wir’s geschafft.

Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert», des Verbands Frauenunternehmen,
erschienen am 7. November 2019 in der «Handelszeitung».