«Oh, wie schön: Ein Baby im Haus!»

Beatrice Zemp stillt ihre Tochter.

Über das Neugeborene freuten sich alle riesig. Nur die Mutter war auf die Situation nicht vorbereitet. Dass die ersten Monate sie so fordern würden, hätte Beatrice Zemp nicht gedacht. Sie tut, wozu nur wenige Mütter den Mut haben: Ungeschönt spricht sie im Interview über die schwierigen Seiten als Business-Mama.

Beatrice, ein regulärer Mutterschaftsurlaub in der Schweiz dauert vierzehn Wochen. Du bist selbständig. Wann hast Du Deine Arbeit wieder aufgenommen?
Beatrice Zemp: Nach sieben Wochen. Vor der Geburt hatte ich für eine Boutique in Zug ein Website-Projekt in Planung, und das wollte möglichst rasch realisiert sein.

Wie muss man sich Deinen Alltag damals vorstellen?
Ich schrieb den Text, während mein Mann auf unsere Tochter aufpasste. Jede Woche musste ich für alle Kunden manuell Back-ups ihrer Websites machen. Während einem dieser Back-ups stürzte plötzlich eine Website ab. Dann würde ich einfach das Back-up der vergangenen Woche wieder einspielen und der Fehler wäre behoben, dachte ich. Falsch gedacht. Der Fehler beschäftigte mich tagelang.

Das klingt aufreibend – besonders wenn man die Vorgeschichte kennt. In der ersten Zeit nach der Geburt trug Dich nicht dieses traumhafte hormonelle Hoch.
Nein, im Gegenteil. Schon die Entlassung aus dem Spital stresste mich. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit diesem kleinen, schreienden Bündel zu Hause allein zurechtkommen sollte. Das ganze Handling war ein einziges Gezerre. Ich fühlte mich machtlos und unvorbereitet. Niemand in meiner Familie und keine meiner Freundinnen hat Kinder. Ich war allein und hatte das Gefühl, das schaffe ich nicht.

Durch die ständige Nähe fühlte ich mich gefesselt.

Ging es Deinem Mann ähnlich?
Mein Mann kam seelenruhig mit dem Maxi Cosi ins Spital. Er freute sich sehr. Auch unser Nachbar, dem wir bei der Ankunft begegneten: «Oh, wie schön: Ein Baby im Haus!»

Du?
Ich sass oder lag tagelang auf der Couch, meine Tochter auf mir. Kuscheln nennt das die Babyindustrie. Ich aber fühlte mich durch die ständige Nähe gefesselt und erstickte fast. Unsre Tochter war unterernährt und schrie die ganze Zeit. «Wahrscheinlich bin ich eine schlechte Mutter», dachte ich, war verunsichert. Ich versuchte zu stillen. Meine Tochter schlug ihren Kopf gegen meine Brüste, kratzte und biss. Oft musste ich die Milch abpumpen, was zusätzlichen Stress verursachte: die Pumpe zusammenbauen, waschen und sterilisieren. Mein Baby trank gierig das Fläschchen leer und wollte immer mehr und mehr. Sie war zäh, schon da eine Kämpferin.

Das rechte Füsschen eines Baby, wenige Zentimeter gross.
Dass ein Wesen mit solch kleinen Füssen so intensiv schreien kann, hätte Beatrice Zemp . sich nicht im Traum einfallen lassen. Wer klein ist, muss manchmal laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. Das weiss sie jetzt. Und sie versteht auch ohne Worte, was ihre Tochter ihr mitteilen möchte. Seit 2019 ist Beatrice Zemp mit ihrer Firma Webgeschichten selbständig. Ihre Tochter kam im Frühjahr 2020 zur Welt.

Dein Mann konnte die Situation entschärfen.
Er hatte die ersten drei Wochen nach der Geburt Ferien und verbrachte die Nächte mit dem Kind auf der Couch. Mit der Nähe schien er keine Probleme zu haben. Ab und zu rief er nach mehr Milch und nahm ganz die Mutterrolle ein. Er versuchte sich sogar im Kochen. In der Zwischenzeit sass ich weinend auf dem Sofa, wartete und wartete auf das Essen und war fast am Verhungern. Ich hatte kaum Geduld, und nach der ganzen Warterei konnte ich nicht mal in Ruhe essen, da das Neugeborene schrie. Durch die Hormone und meine Unsicherheit verlor ich die Kontrolle über mein Leben. Ich sehnte mich nach Normalität, um wieder zurück zu mir selbst zu finden.

Hast Du Dir Hilfe geholt?
Eine grosse Erleichterung brachte die Tragetuchberaterin. Mit der Tragelösung hatte ich plötzlich wieder meine Hände frei und konnte wenigstens den Haushalt erledigen. Das gab mir das Gefühl von etwas Normalität.

An diesen befreienden Moment erinnere ich mich auch noch. Wie haben sich die Empfindungen Deiner Tochter gegenüber entwickelt?
Langsam wuchs sie mir ans Herz. Die Beziehung zu einem neuen Menschen muss wachsen. Und meine Tochter brauchte Zeit, um auf der Welt anzukommen.

Ich muss mir überlegen, wofür ich meine Ressourcen einsetze.

Hast Du in jener Zeit darüber nachgedacht, Deine Firma aufzugeben?
Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob ich mit diesem Schritt meinen Kopf entlasten könnte. Ich habe mich dagegen entschieden – und stattdessen über ein Inserat eine Babysitterin gefunden. Andrina ist ein Glückstreffer. Unsere Tochter liebte sie von Anfang an – und wir auch.

Was bedeutete das erste Jahr Deiner Mutterschaft für Dein Unternehmen?
Einen wichtigen Auftrag musste ich ablehnen. Das tat mir sehr leid. Doch ich habe auch gelernt: Gewisse Dinge konnte ich automatisieren und spare mir so einigen Stress. Als Business Mama muss ich effizient arbeiten und die Zeit gut einteilen. Ich muss mir überlegen, wofür ich meine Ressourcen einsetze. Ab Oktober wird mein Mann einen Tag die Woche unsere Tochter betreuen, das gibt mir wieder Zeit für neue Projekte.

Wie geht es Dir heute?
Nach und nach verstehe ich, dass ein Baby einfach schreit. Es ist seine einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen. Das hat nichts mit mir zu tun. Ich akzeptiere mich voll in der Rolle als Mutter. Mein Mann und ich sind zu einem unschlagbaren Team zusammengewachsen. Ich habe im vierten Monat abgestillt, und unsere Tochter ist nun ein Jahr alt. Auch hormonell bin ich wieder bei mir angekommen.

Danke, Beatrice, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast!