Gratis zum Mitnehmen

Wofür sind Sie gerade dankbar? Klingt nach «Gschpürschmi»? Bringt Fokus! Nennen Sie nur drei Punkte, mehr nicht. Ich mach’s auch. Los …

1. Mein schattiger Arbeitsplatz, inklusive frischem Wind.

2. Das mächtige Bücherregal hinter mir.

3. Die Stimmen der plaudernden Nachbarn, die ich durch die offene Balkontür höre.

Kleine Dinge, vielleicht auch unwichtige. So unwichtig, dass wir sie selten mit anderen Menschen teilen. Dennoch: Sehr viele Menschen halten einmal am Tag inne, um zu reflektieren, was sie in den vergangenen Stunden glücklich gemacht hat. Manche machen das im Kopf, andere halten es auf Papier fest, und natürlich gibt es auch ausdrückliche Dankbarkeitstagebücher mit konkreten Anleitungen. Ich bin ein grosser Fan dieser Reflexionen. Wer dankbar ist für das, was er oder sie erlebt hat, geht anders durch den Tag. Bewusster und mit einem Fokus auf die bessere Seite des Lebens.

Bild von Seite 15, Handelszeitung vom 13. August 2020
Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert» des Verbands Frauenunternehmen., erschienen am 13. August 2020 in der «Handelszeitung».

Freebies stehen für mich definitiv auf dieser besseren Seite. Das Wort ist so neudeutsch, dass nicht einmal die Online-Version des Dudens es kennt. Im Marketing steht es für all die hochwertigen Inhalte, die ein Unternehmen gratis abgibt, in Form von Video-Tutorials, E-Mail-Kursen, Testzugängen, Checklisten etc. Gratis? Das definiert der Duden so: «ohne dass etwas bezahlt werden muss» – nur um in den Beispielen gleich nachzuschieben: «es gibt nichts gratis». Das bestätigt auch mein Latein-Wörterbuch, in dem gratis nichts anderes heisst als: «für den bloßen Dank». So ganz kostenlos sind Freebies also nicht.

Doch sie sind genial: So viel neues Wissen, ohne einen einzigen Rappen dafür bezahlen zu müssen. Die Haltung, die wir als Gesellschaft dadurch entwickelt haben, ist brutal: Warum sollte ich für eine Dienstleistung zahlen, wenn ich sie auch umsonst haben kann? Natürlich ist das nicht die schöne Art, da fehlt der Anstand. Bei Medienhäusern etwa führt das dazu, dass kompetente Journalisten entlassen werden, und bei so wichtigen Instanzen wie dem Korrektorat werden die Leistungen drastisch gekürzt.

Deswegen: Danke sagen! Eine Referenz abgeben, die Sichtbarkeit erhöhen, gerade bei kleinen Unternehmen. Das kostet Zeit, stimmt. Die können wir ja auch investieren, wenn wir die Sachen schon gratis mitnehmen.

Beitragsbild: Rodion Kutsaev (unsplash)