Mein Leben als Fräulein Rottenmeier

Viele meiner Klassenkameradinnen in den 1980-ern hatten den gleichen Berufswunsch: Lehrerin. Dank Corona sind diese Mädchenträume nun endlich in Erfüllung gegangen.

In Pädagogik habe ich nie meine Berufung gesehen, und ich hoffe, meine Kinder sehen mir das nach. Dennoch war ich nach der Schulschliessung im März vorfreudig aufgeregt über meine neue Aufgabe: Fräulein Rottenmeier im 50-Prozent-Pensum, wie spannend! Pflichtbewusst wie eine Beamtin hatte ich am Abend vor meinem Stellenantritt alles organisiert – vom Morgenturnen bis hin zu den Zählübungen.

Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert» des Verbands Frauenunternehmen., erschienen am 9. April 2020 in der «Handelszeitung».

Tag 1: Wir starten mit ein paar Yogaübungen. Hund, Kobra, Kerze, Baum. Die Kinder haben Spass. Erst als der richtige Unterricht beginnen soll, sind plötzlich alle genervt: Das Krippenkind weil es mit seiner grossen Schwester spielen mag; die grosse Schwester weil sie jetzt nicht rechnen mag; Fräulein Rottenmeier weil ihr Plan nicht aufgeht. Und überhaupt: Was sollen denn all die Eselsohren? Die Emotionen kochen über, jeder geht in ein anderes Zimmer. Durchatmen!

Tag 2 und 3 beginnen ähnlich angespannt, bis ich merke, womit ich die Situation entschärfen kann. Ich verabschiede mich vom altmodisch zugeknöpften Fräulein Rottenmeier und werde zum verständnisvollen Lerncoach auf Augenhöhe. Als meine Schülerin wieder einmal mit Muh und Buh ihren Unmut bekundet, hole ich kurzerhand meinen Laptop aus dem Büro. Ich zeige ihr eine Arbeit, die ich seit Tagen vor mir herschiebe. Meine Tochter ist beeindruckt: Auch Mama hat manchmal keine Lust. Wir vereinbaren: Während sie ihre Rechnungen löst, mache auch ich mich an die Arbeit. Am Ende haben wir beide etwas abgehakt.

An den Stafettenlauf haben mein Mann und ich uns nach ein paar Wochen gewöhnt. Mehr Zeit als sonst haben wir nicht – wie auch? Doch ich bleibe zuversichtlich. Solange ich im Homeoffice Kopfhörer tragen kann und die Nachbarn unter uns nicht durchdrehen, segeln wir munter zu viert in unseren 80 Quadratmetern weiter. Wenn nötig, bis zu den Sommerferien.

An der Schönschrift arbeiten wir noch, am Minusrechnen auch. Immerhin, ein kleines Erfolgserlebnis habe ich: Seit meinem Stellenantritt sind kaum neue Eselsohren dazugekommen.