Spring!

Nachdem meine Tochter wieder und wieder vom Drei-Meter-Brett gesprungen war, fand sie: «Mama, mach Du auch mal!» Bis dahin hatte ich entspannt im Wasser des Sprungbeckens geplanscht, jederzeit bereit, all jene zu retten, die nach dem Sprung unter Wasser den Weg nach oben nicht mehr fanden. Das war nicht notwendig, denn alle waren glückselig wiederaufgetaucht. War ja auch einfach: Auf den Sprungturm klettern, nach vorne rennen, Sprung! Und gleich nochmal.

Jetzt also ich. Klar springe ich, so wie früher.

Auf den Sprungturm klettern, nach vorne tapsen – Stopp! Ein grausliges Gefühl, als ich da oben auf dem Brett stehe. Die Selbstverständlichkeit des Sprungs – wo ist sie hin? Schmal ist dieses Brett. Eine falsche Bewegung, und ich falle. In drei Metern Höhe realisiere ich, wie sich Komfortzone anfühlt. Gut. Sicher. Bequem. Meine Komfortzone muss ich jetzt auf jeden Fall verlassen – durch einen Sprung oder indem ich die Leiter wieder hinunterklettere. Unschön.

Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert» des Verbands Frauenunternehmen., erschienen am 1. Oktober 2020 in der «Handelszeitung».

Die Idee, dass erst ausserhalb der Komfortzone das echte Leben beginnt, kennt man aus Seminaren, Büchern, Artikeln. Man unternimmt aktiv etwas, durch das man eine bekannte und risikoarme Situation verlässt, vielleicht um ein Ziel zu erreichen. Solche Handlungen schiebt man gerne auf, bis der Leidensdruck zu gross wird oder man schlicht die Deadline einhalten muss. Erst dann überschreitet man die Grenze, und das kostet unglaublich Überwindung.

Drei-Meter-Bretter sehen bei jedem Menschen anders aus. Alleine essen gehen, Smalltalk auf einer Veranstaltung, Lohnverhandlung mit der Vorgesetzten. Jeder hat sich andere Grenzen gesetzt.

Das Tolle am Leben ist: Sprungtürmen kann man ausweichen. Man muss da nicht hochklettern. Und springen sowieso nicht. Man muss es nicht darauf anlegen, Neins zu kassieren. Man muss niemandem nichts beweisen. Ausser vielleicht sich selbst.

Ein Freund hat mir gesagt: «Hinter der Grenze wartet der Himmel.» Dass man sich den erst verdienen muss, weiss ich jetzt auch. Vom Drei-Meter-Brett im Schwimmbad bin ich heruntergeklettert, um es aus einem Meter Höhe zu versuchen. Entgegen meiner Erwartung habe ich mein Gesicht dabei nicht verloren. Später auf dem Drei-Meter-Brett dachte ich wieder, ich müsse sterben. Nach dem Sprung war ich ein einziges Glücksgefühl. Das echte Leben.

(Bild Sprungturm: Biblioteca Valenciana – Nicolau Primitiu / unsplash)