100 % konsequent

Vergangene Woche habe ich’s getan, zum ersten Mal seit Wochen. Es war mehr als ein Ausrutscher: Ich war 100 % konsequent. Und wurde zur Quertreiberin, deren unbeirrbare Entscheidung eine kleine Patt-Situation hervorrief. Dabei bin ich – wer mich kennt, der weiss das – ein friedliebender Mensch und nicht auf Konflikte aus.

Was war passiert? Ein neues Gremium traf sich zum ersten Mal, die Euphorie und der Zauber des Anfangs waren fast greifbar, als am Ende der Sitzung Whatsapp als neues Kommunikationsmittel untereinander vorgeschlagen wurde. Einwände? Allgemeines Kopfschütteln. Eine Hand nur hob sich, um eine Alternative vorzuschlagen. Meine. Ich konnte nicht anders, Whatsapp ist die eine Sache, bei der ich kein Auge mehr zudrücke. 100 % konsequent.

Bild von Seite 17, Handelszeitung vom 2. Juli 2020
Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert» des Verbands Frauenunternehmen., erschienen am 2. Juli 2020 in der «Handelszeitung».

Dabei ist gerade jetzt die Hochsaison für inkonsequentes Handeln. Wir desinfizieren unsere Hände am Eingang, dann atmen wir stundenlang quer durch Sitzungszimmer und Kursräume; von Montag bis Freitag vermeiden wir Netzwerkveranstaltungen in geschlossenen Räumen und fahren am Wochenende zur Hochzeitsfeier mit grossem Dessertbuffet; wir haben fast drei Monate lang die Isolation zelebriert, um uns jetzt ohne Maske im Bus zu drängen. Und was das Beste ist: Bis jetzt kommen wir damit erstaunlich gut durch. Noch.

Konsequente Handlungen sind unpopulär und werden schon allein deswegen nie im Mainstream ankommen. Man fällt damit auf, eckt an, und das mögen die wenigsten Menschen. Sie sind aber auch ein Zeichen dafür, dass man sich ernsthaft mit etwas auseinandergesetzt und eine bewusste Entscheidung getroffen hat – egal ob jemand kein Whatsapp verwendet, kein Profil auf LinkedIn hat, zu bestimmten Zeiten nicht ans Telefon geht oder im öffentlichen Verkehr eine Maske trägt.

Wir können in unserem Alltag natürlich so tun, als gäbe es das Virus nicht. Ein klitzekleines bisschen Haltung und Fortsetzung des Ausnahmezustandes wird aber vermutlich notwendig sein, um unser Glück nachhaltig zu bewahren. Wie unsere neuen Gewohnheiten aussehen, entscheidet jede einzelne (Organisations-)Einheit für sich, und es wird eine Weile dauern, bis sie sich etabliert haben. Mindestens solange begleitet mich die Tracing-App des Bundes, auch ans Dessertbuffet der Hochzeitsfeier. Soviel Konsequenz muss sein.

Bild: Mehmet Kürsat Deger / unsplash