Visionäre Zauberei eines unausgeschlafenen Einhorns ODER Gender im Alltag

Das rosarote Einhorn hatte eine Vision: Es wollte die Welt verbessern und die Menschen von ihren Geschlechterrollen befreien. Drum rief es eines Tages: «It’s magic!» Was so viel bedeutete wie: «Ich hab da so ein paar Ideen.» Alles glitzerte, und innert Sekunden war das Land verzaubert.

Herr Büchel lächelte sein Spiegelbild an, um sich Mut zu machen für diesen Tag: Mit der neuen Diät würde es wohl auch heute nichts. Es war Papitag, gleichzeitig Waschtag, dann eine fürchterliche Unordnung im ganzen Haus – und morgen war auch noch der Geburtstag der Zwillinge. Immer schön lächeln.

Auch Frau Hilti ging den bevorstehenden Tag in Gedanken durch: ein wichtiges Treffen mit einer potenziellen Grosskundin; in der Mittagspause der Lunch mit den Investorinnen für das neue IT-Projekt; am Abend dann die Fraktionssitzung, für die sie noch einige Telefonate erledigen wollte. Just do it!

Im Kindergarten stand Emmas und Pauls grosser Tag bevor: Die künftige Astronautin und der anstrebende Hausmann wollten heiraten. Im Falle einer Scheidung – das wussten sie schon jetzt – sollte Paul das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder bekommen. Einer muss ja bei den Kindern bleiben.

Herr Thöny war Co-Präsident des Vereins berufstätiger Männer, Sektion Oberland. Für ihn war heute der SdL-Tag. „Schliesst die Lohnlücke“, forderte der Verein mit einer Standaktion vor dem Kunstmuseum und verteilte Flyer. Gut gekleidete Frauen eilten in der Mittagspause am Stand vorbei. Einige belächelten die Männer, andere schüttelten den Kopf, vereinzelt gaben sie auch spöttische Kommentare ab: „Vielleicht müsst Ihr Euch einfach mehr anstrengen.“

So richtig entspannt schien die Lage erst am Abend, als Herr Näscher und Frau Vogt sich auf einen Apéro trafen. Zum ersten Mal bekamen beide ihre Getränke genauso, wie sie sie bestellt hatten: das Bier für Frau Vogt, der Prosecco für Herrn Näscher.

Als das Einhorn all das sah, war es entsetzt. Was hatte es nur angerichtet? Anstatt die Welt zu verbessern, hatte es einfach die Rollen von Frau und Mann verdreht. Verändert hatte es nichts, die Dinge nahmen ihren Lauf wie zuvor: Die einen bekamen weniger Lohn, die anderen sahen sich nolens volens in der Rolle des Hauptverdieners; die einen mussten sich doppelt und dreifach beweisen, den anderen traute man ab Geburt alles zu; die einen wurden Assistenten, die anderen Chefs; die einen diskutierten im Landtag, die anderen schafften es nicht einmal auf die Wahllisten.

Gender kann im Alltag ganz schön hart sein. Das Gute ist: Rosarote Einhörner gibt es nicht. Wir haben die Wahl, welche Rolle wir einnehmen und was wir von anderen erwarten wollen. Zauberhaft!

 

Die Kolumne ist Teil der Serie «Schwarz auf Weiss» des Vereins Hoi Quote.